SEO.at Sommerinterview: Frank Fuchs

von Simon am 20. Juni 2010

Frank FuchsLetzte Woche wurde es es schon kurz angekündigt: Bei SEO.at wird es in den kommenden Monaten, jeweils am Sonntag, ein ausführliches Interview mit einer SEO-Persönlichkeit geben.

Für das erste Interview hat uns Frank Fuchs, ehemals bei Yahoo beschäftigt, heute Product Manager Search bei Microsoft, Rede und Antwort gestanden.

Was sind die Aufgaben eines Produkt-Managers bei Microsoft?

Die sind vielschichtig – ich versuch mal ein klein wenig was zu meinem Aufgabengebiet zu erzählen. Zum einen arbeite ich mit unseren Engineers zusammen und helfe sicherzustellen, dass die Features die wir starten auch in den deutschen Markt passen. Dazu kümmere ich mich um die nötige Marktforschung und entsprechende Research, um unsere Entscheidungen entsprechend zu überprüfen. Obwohl ich manches Mal gerne einfach aus dem Bauch raus entscheiden würde ;)

Bei uns im Team kümmere ich mich auch um unsere Präsenz auf den einschlägigen Online Marketing- und Suchmaschinen-Konferenzen und ganz im Allgemeinen um unsere Kontakte in diese Industrie.

Auch arbeite ich eng mit den Kollegen der Marketing-Abteilung zusammen, um Kampagnen zu ersinnen, zu timen, zu erstellen und dann zu tracken.

Und dann gibt’s natürlich auch noch die vielen so „innig geliebten“ Präsentationen und das ganze Business Reporting, das man im Wochen- bzw. Monatsrhythmus zu erledigen hat – is ja auch nicht verwunderlich, dass Microsoft wissen will, wie viel wir so einnehmen und was wir wofür so alles ausgeben.

Es gibt noch jede Menge mehr, aber das vermittelt hoffentlich einen ersten Eindruck.

Du warst vorher bei Yahoo beschäftigt. Inwiefern unterscheidet sich deine Arbeit bei Yahoo! und Microsoft?

Drei Dinge fallen hier auf. Zum einen ist es ganz offensichtlich, dass Yahoo! ein reines Onlineunternehmen ist, und Microsoft eben nur zum Teil. Es hat für mich ein wenig gedauert mich an diese Mentalität zu gewöhnen, aber wenn man dann erst mal erkennt, welche ungeheuren Möglichkeiten einem ein solches Softwareunternehmen bietet, um die Online-Aktivitäten zu treiben und zu verbessern, nimmt man das gerne in Kauf.

Microsoft ist ein sehr viel größeres Unternehmen. Ich hoffe, ich liege nicht komplett daneben, aber Yahoo! hat wohl so ca. 10.000 Mitarbeiter weltweit. Bei Microsoft sind derzeit ca. 90.000 Kollegen beschäftigt. Das macht einen nicht unerheblichen Unterschied – manchmal ist das gut, manchmal…

Bings Marktanteil steigt, doch die Konkurrenz durch Google scheint übermächtig. Was bietet Bing, was Google nicht bietet?

Das ist ein abendfüllendes Thema, aber ich versuche es mal ganz kurz und high level zusammenzufassen. Bei Bing verstehen wir Search als ein Produkt mit 3 aufeinander aufsetzenden Layern. Zunächst ist da der Core Search Layer. Darin geht es um Themen wie Relevanz, Geschwindigkeit, Index-Qualität und Multimedia-Inhalte. Hier müssen wir mit der Konkurrenz gleichziehen – denn das ist die Basis für eine konkurrenzfähige Suchmaschine.

Beim zweiten Layer geht es um die Organisation und Aufbereitung der Suchergebnisse. Wenn man die SERPs von uns mit denen der Konkurrenz vergleicht, fällt ja deutlich auf, dass unser Ansatz ein anderer ist. Auch hier müssen wir sicher noch etliche Iterationen vollziehen, um immer näher an ein Optimum heranzukommen. Visual Search ist ein tolles Beispiel, das klar macht, wie verschieden die Ansätze zur Aufbereitung von Suchergebnissen und Interfaces sein können.

Im dritten Layer dann geht es um Inhalte versus Wissen. Hier geht es uns darum, dass es sehr oft nicht wirklich zielführend scheint, „einfach“ nur die 10 blue Links auf eine Suchanfrage auszuspucken, sondern für eine treffende „Antwort“ mehr Aufbereitung und Vorverarbeitung von Daten. Umgesetzt sieht man das bei den Kollegen in den USA zum Beispiel beim sogenannten Price Predictor – der für Flugpreise den wahrscheinlichen Preistrend auf Basis von historischen Daten vorhersagt – im Übrigen mit einer sehr hohen Trefferquote.

Welches Bing-Feature hältst du persönlich für unterschätzt?

Zum einen sicher die eben erwähnte Visual Search, denn ich finde es einfach faszinierend, dass diese die Fähigkeit des Menschen, Inhalte visuell bis zu 30 mal schneller zu erfassen, nutzt, und man sich fragt, warum nicht schon viel früher ein solcher Ansatz verfolgt wurde.

Einen weiteren sehr interessanten Ansatz verwenden wir im E-Commerce Bereich. Dort findet der sogenannte Sentiment Extraktion-Algorithmus seinen Einsatz. Ganz einfach ausgedrückt wertet der die im Index vorhandenen Produktreviews dahingehend aus, ob sie bezogen auf die unterschiedlichen Produktmerkmale positiv oder eher negativ zu bewerten sind.

Wenn bei einem Review einer Digitalkamera zum Beispiel ein User schreibt – „viel zu kurze Akkulaufzeit auch lädt er zu langsam“ –, erkennt der Algorithmus das Merkmal Akkulaufzeit und findet in direkter Umgebung negative Wörter wie „zu kurz“ oder „zu langsam“. Bei positiven Bewertungen zu erkannten Merkmalen verhält es sich genauso.

Diese Ergebnisse werden dann aggregiert dargestellt, so dass der Nutzer nicht mehr 30 Reviews auf 15 Seiten sehen muss, um zu erkennen, ob das Gerät für Ihn in Frage kommt.

Wie wichtig ist der deutsche Suchmaschinenmarkt für ein weltweit agierendes Unternehmen wie Microsoft?

Bing ist eine globale Priorität für Microsoft, daran gibt es keinen Zweifel. Was aber auch offensichtlich ist, dass das Produkt heute noch nicht in allen Ländern auf einem ähnlichen Niveau ist, was Qualität und Features angeht. Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet, neben Großbritannien auch in weiteren europäischen Märkten eine Produktqualität zu erreichen, mit der wir aus der Beta-Phase gehen können.

Ganz klar ist aber, dass die Konzernzentrale in Redmond Deutschland als einen der Top-Prioritätsmärkte auch weltweit sieht – nicht nur wegen des sehr großen jährlichen Online Marketing-Umsatzes.

Real Time Search ist derzeit wohl einer der größten Trends. Was können wir diesbezüglich von Bing erwarten?

Real Time Search ist sicher ein sehr spannendes Feld, und sowohl ein Bereich der sehr interessante Möglichkeiten bietet, als auch eine ganze Reihe an Herausforderungen mit sich bringt.

Wir haben ja erst kürzlich unserer Social Search ein umfängliches Update verpasst und bieten jetzt in den USA neben den Inhalten aus Twitter auch die öffentlichen Updates von Facebook an. Das Team arbeitet aber schon wieder am nächsten Release, über den ich leider noch nichts erzählen kann.

Spannend ist sicher auch der ganze Bereich in dem wir Echtzeitinformationen mit Long/Lat Informationen verbinden, wie zum Beispiel in der Partnerschaft mit Foursquare. Location Aware Systems werden in Zukunft Search und Search Relevanz grundlegend beeinflussen.

Wie vom Kollegen bei der TED Konferenz vorgestellt ist das Thema Augumented Reality auch ein Zukunftsbereich, auf der bei uns ein Focus liegt.

Welche Features bietet Bing im Bereich Mobile Search an und was ist in Planung?

Dazu darf ich nix sagen – WP7 kommt ja bald auf den Markt.

Zum Schluss noch ein Blick in die Glaskugel: Wie werden wir Suchmaschinen im Jahr 2020 nutzen?

Ich denke Suchen wird immer mehr zu einem wirklichen Dialog werden. Zum einen ist die Interaktion via Tastatur wirklich unschön und langsam. Hier bin ich mir sicher, dass die Spracherkennung auch dank der Umsetzung in der Cloud bald so gut sein wird, dass man nicht mehr tippen muss. Dann wird ein Nutzer nicht mehr gezwungen sein sich bei seiner Fragestellung auf die passenden Syntax der Suchmaschine einstellen zu müssen, sondern umgekehrt die Suchmaschine erkennt, was gemeint ist. Und darüber hinaus werden Suchmaschinen dann auch in der Lage sein, intelligente Nachfragen zu stellen.

Also im Umfeld lokale Suche wünsche ich mir eine Suchmaschine, die wie ein guter Concierge arbeitet. Ich frage „Können Sie mir ein Restaurant in der Nähe empfehlen?“, er „Natürlich, wonach steht Ihnen denn der Sinn? Italienisch, Chinesisch oder ein Steakhouse?“, ich „ Steakhouse klingt gut. Gibt es eins das kinderfreundlich ist?“ und so weiter und so fort. Schöne neue Welt.

Vielen Dank an Frank Fuchs für das Interview! — Bei SEO.at wird es dann am nächsten Sonntag das Interview mit Marcus Tandler geben.

4 Kommentare zu "SEO.at Sommerinterview: Frank Fuchs"

Online-Wecker am 20. Juni 2010

Sehr interessantes Interview. Vor Allem der letzte Part mit dem “Dialog-Suchen”. Sprachgesteuerte Suchmaschinen kann ich mir in den nächsten Jahren noch nicht ganz vorstellen. Allerdings die weitere Eingrenzung von Suchergebnissen anhand von Nachfragen: “Wollen Sie lieber … oder …?” oder eben “kinderfreundlich” finde ich in der heutigen Zeit sehr passend und sicher auch realisierbar.

Wenn die Suchmaschinen tatsächlich die Microformate verwenden und auch die Produkt- oder Dienstleistungs-Attribute lesen und bewerten können, dann könnte dies tatsächlich das Web 3.1 sein :)

Dirk am 23. Juni 2010

Sehr ansprechendes Interview auf einem fachlich hohen Niveau. Vermittelt einige neue Ansätze für die Zukunft der Suche. Schön, dass Bing etwas Bewegung in den Markt bringt…

[...] Frank Fuchs ist Marcus “Mediadonis” Tandler (Webseite, Twitter, XING) unser zweiter [...]

[...] Frank Fuchs und Marcus Tandler ist Sören Eisenschmidt (Webseite, Twitter, XING) unser dritter [...]

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